THEATER IN DER SCHWEIZ: EINE NATION, VIER SPRACHEN, VIELE SZENEN Es ist nicht so offensichtlich, wie man denken könnte, von einer «Schweizer Theaterszene» zu sprechen. Die Schweiz hat keine einzige groß geschriebene Theaterszene, aber viele kleine Theaterszenen. Das hat mit dem typischen Föderalismus zu tun; es hat zu tun mit Sprachproporz: Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch sind die Landessprachen. Jede Region hat ihre eigenen größeren und kleineren Theater, und trotz mancher Versuche, den nach regionalen Kulinarien benannten «Rösti-» respektive «Polentagraben» zu überbrücken, bleiben sie in der Regel unter sich. Statt nach Zürich geht der welsche Blick weit eher nach Paris, ein ambitioniertes Westschweizer Theater wie das von Vidy-Lausanne ist in den französischen Theaterbetrieb integriert und koproduziert ganz selbstverständlich mit einer Hauptstadt-Bühne wie dem Théâtre de la Ville in Paris. Ebenso natürlich ordnen sich die Deutschschweizer Schauspielhäuser in den gesamtdeutschsprachigen Theaterbetrieb ein – da geht der Blick nach Berlin oder Wien, die Ambition, wenn schon, auf die Wahl zum germanophonen «Theater des Jahres» (in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift «Theater heute»). Auch strukturell funktionieren die Theater in den Sprachregionen unterschiedlich: die welschen wie in Frankreich nach dem Stagione-Prinzip, mit Koproduktionen und Ensembles auf Zeit; die Deutschschweizer im En-suite-Betrieb mit teilweise über Jahre gespieltem Repertoire. Es gibt kein Schweizer Nationaltheater, kein «Schweizer Schauspielhaus» oder «Theater» analog zu den Institutionen in Hamburg und Berlin oder den französischen Nationalbühnen. Und wenn ein – bezeichnenderweise französischsprachiger – Kulturminister dennoch zentralistische Gelüste anmeldet und zum Beispiel das Zürcher Schauspielhaus mit seiner international ausstrahlenden Schiffbau-Halle zum nationalen «Leuchtturm» erklären will, ist dies noch längst keine ausgemachte Sache. Abermals komplexer zeigt sich die Situation im Tessin: im Widerstreit zwischen der Hassliebe zum grossen italienischen Bruder und den Deutschschweizer «Kulturimperialisten», die den Südkanton mit ihrer oftmals aussteigerisch oder esoterisch angehauchten Kultur überziehen. Die Tessiner nennen sie «Züchin’» wie den alles überwuchernden Kürbis. Die historische Tessiner Kultur ist rural; das Tessin war entweder Mailänder Provinz – was zum Beispiel der Stadt Locarno immerhin eine Festung aus der Hand Leonardo da Vincis gebracht hat – oder von Deutschschweizer Landvögten regiert. Auch ein Symbolort der künstlerischen Avantgarde wie der Monte Verità in Ascona war nicht ein Ort der Tessiner selbst, sondern von deutschen und Deutschschweizer Ausdruckstanz-Exoten. Jetzt steht hier das wunderbare Bauhaus-Teatro San Materno, und die Asconeser wissen nicht recht, was sie damit anfangen sollen. Immerhin haben sie es soeben vorbildlich renoviert. Sprachübergreifende Bestrebungen Allerdings sind es zumal Tanztheater und wenig wortgebundene (oder a priori mehrsprachige) Theaterformen, die die Sprachgräben dennoch zu überwinden vermögen. So ist das avancierte Tanztheater der Romandie ein Impulsgeber für die gesamte Schweiz, und darüber hinaus; und eine Gruppe wie Rimini-Protokoll um den Schweizer Stefan Kaegi, welche Matthias Hartmann aus Bochum ans Zürcher Schauspielhaus mitgebracht hatte, trat von Vidy aus einen regelrechten Siegeszug durch die französische Theaterlandschaft an. Weitgehend auf ein Schüler-Publikum ausgerichtet wiederum ist das Projekt «TransHelvetia», das sprachübergreifende Tourneen organisiert, eben vor allem in Schulen, und damit einem jungen Publikum tapfer nicht nur fremdsprachige Texte näher bringt, sondern auch fremde Theaterästhetiken. Denn freilich ist das Westschweizer wie das französische Gegenwartstheater weit mehr als das deutsche ein Theater des Wortes, der Sprache (und gelegentlich der konservativsten Deklamation), während die Deutschschweizer Schauspielhäuser ganz in die Entwicklungen des internationalen deutschsprachigen Theaters involviert sind. Mit andern Worten: Die Schweizer Theaterszene? Ein kreatives Chaos. Allerdings ein höchst produktives: gemessen an der Größe des Landes und seiner Bevölkerungszahl. Zu den Berufstruppen gesellen sich Laientheater, die oft mehr als nur gerade ein respektables Niveau erreichen. Zu denken ist hier an eine Erneuerer- und Beleber-Figur wie den Innerschweizer Louis Naef mit seinen «Landschaftstheatern», an das barocke Einsiedler Welttheater, dem Thomas Hürlimann gerade einen neuen Text geschrieben hat, oder an die – einst ebenfalls aus dem Geist des Jesuitentheaters geborene – rätoromanische «Cumpagnia da teater Laax», die alle zehn Jahre ein Freilichtspiel produziert, an welchem mehr oder minder das ganze Dorf beteiligt ist, 2009 unter der Regie des in der Schweizer Auslandsliga spielenden Laaxer Schauspielers Bruno Cathomas, der daselbst seine eigenen ersten Bühnenschritte tat. Laien- und Berufstheater mischen sich Laien- und Berufstheater kamen auch in der ersten Eigenproduktion des neuen Theaters Chur zusammen: einer Auseinandersetzung mit dem Jürg-Jenatsch-Stoff unter der Leitung des Regisseurs Samuel Schwarz von der (wichtigen) freien Gruppe «400asa», die an den Bündner Freiheitskämpfer des Dreißigjährigen Kriegs dezidiert zeitgenössische Fragen stellte. Neben Schauspielern trat darin auch eine grosse Gruppe Laien auf. Diese Produktion spiegelt mithin eine Entwicklung, welche auch andernorts – sei es in Sprech- oder Bewegungschören oder bei «Experten» der realen Welt – zu beobachten ist: dass nicht nur freie Szene und Stadttheater längst durchlässig sind, sondern unter günstigen Umständen eben auch Laien- und Berufstheater. Ein neuer Naturalismus? «Jenatsch» war die erste Produktion des neuen «Churer Ensembles», das der im Frühsommer 2009 überraschend verstorbene Markus Luchsinger ins Leben gerufen hatte. Der umtriebige Theaterleiter, der vordem beim Zürcher Theaterspektakel und den Berliner Festspielen amtete und in der internationalen freien Szene ausgezeichnet vernetzt war, wollte mit Eigenproduktionen wie dieser, nebst hochkarätigen Gastspielen (Christoph Marthaler, Luc Bondy, Pippo Delbono), die Bündner Theaterszene neu beleben. Wie es nun weitergehen wird, ob sich tatsächlich eine Churer Saison installieren kann oder ob das Theater wieder im Dornröschenschlaf versinkt, wird stark von der neuen Theaterleiterin Ute Haferburg abhängen, die allerdings ihre bisherigen Theatererfahrungen vor allem im Musiktheater gemacht hat. Engagierte Kleintheater in Genf Denn die Theaterperipherie hat es in der Schweiz, allem kultivierten Föderalismus zum Trotz, nicht leicht gegenüber den Zentren, Genf und Lausanne genauso wie Zürich und Basel. Kommen aber weniger Impulse aus einem Stadttheater wie zurzeit aus der Genfer Comédie, geht der Blick ganz von selbst auf die kleineren Theater. In Genf sind dies etwa das Théâtre Le Poche mit seiner gesellschaftlich engagierten, avancierten Programmierung oder das Théâtre du Grütli, das sich ebenso wie das Forum Meyrin und das Arsenic in Lausanne als Ort der Experimente und der Avantgarde etabliert hat. Oder das Theater des feinen kleinen Genfer Vororts Carouge, das unter dem jungen Regisseur Jean Liermier neu gestartet ist und mit Klassiker-Auffrischungen auf sich aufmerksam macht: Voltaire, Musset, Molière, Marivaux in phantasievollen, spielerischen Umsetzungen. Klassiker sind in der Genfer Theaterlandschaft geradezu eine Nische, setzen doch sowohl die grosse Comédie als auch das kleine Théâtre Le Poche und das Forum Meyrin explizit auf zeitgenössische Autoren. «Hors concours» läuft das Théâtre de Vidy in seinem idyllisch am Ufer des Genfer Sees liegenden Max-Bill-Bau, das, wie gesagt, ohne weiteres neben den französischen Nationalbühnen bestehen kann und mit seinen Tourneen und Koproduktionen (Heiner Goebbels, Stefan Kaegi, Metzger/Zimmermann/de Perrot) europaweit ausstrahlt. Hoffnungsvoller Neustart in Zürich In der Deutschschweiz handeln das Zürcher Schauspielhaus und das Theater Basel die ästhetische Vorrangstellung jeweils unter sich aus. Abwechselnd geht der Pokal nach Basel (Frank Baumbauer) oder Zürich (Christoph Marthaler); nach Matthias Hartmanns glücklichem Abgang ans Burgtheater («Sie haben das Beste gewollt, und das kriegen Sie auch») ist nun wieder Zürich an der Reihe mit einem hoffnungsvollen Neustart unter der Schweiz-Heimkehrerin Barbara Frey – während am Dreispartentheater Basel unter der Intendanz von Georges Delnon das Sprechtheater mit der überaus erfolgreichen Oper nicht mithalten kann (sie wurde 2008/09 in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift «Opernwelt» sogar zum «Opernhaus des Jahres»). Ihre Zürcher Eröffnungsinszenierung – Schillers «Maria Stuart» mit einem hinreißenden Gewicht auf Elisabeths Weg von der «Virgin Queen» zur verzweifelten, zerrissenen Frau – setzte Barbara Frey symbolträchtig im Schiffbau an, jener Industriehalle in Zürichs Westen, die Christoph Marthaler einst für das Schauspielhaus fand und die seither nicht wenig zur internationalen Ausstrahlung des Theaters beigetragen hat; zum Beispiel Jürgen Goschs «Hier und Jetzt» mit dem Text von Roland Schimmelpfennig, eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2009, entstand für diesen Spielort. Dennoch bleibt dessen Zukunft unsicher. Die künstlerische Direktion des Schauspielhauses ist weit entfernt von einer Oberhoheit über den Schiffbau, die Halle soll vielmehr in Zukunft verstärkt «kommerziell genutzt» werden. Das wäre eine echte Schweizer Seldwylerei: Man erfindet sich ein schönes Theater, baut es kostspielig um und stellt es anschließend kalt. Neben dem Schauspielhaus behauptet sich das ein Jahr zuvor schon neu gestartete Zürcher Theater Neumarkt, dessen Kodirektoren Barbara Weber und Rafael Sanchez als Vertreter einer Generation der freien Szene gelten dürfen, welche sich nach Wanderjahren im In- und Ausland nun an festen Häusern etabliert. Für die nationale und internationale freie Szene wiederum steht das Theaterhaus Gessnerallee, das unter Niels Ewerbeck nochmals an Profil gewonnen hat und seinerseits zum bedeutenden internationalen Koproduktionspartner geworden ist. Und im Umfeld der Hochschule der Künste fallen neue Stimmen auf: so die Truppe «Far A Day Cage» um Regisseur Tomas Schweigen oder der junge Regisseur und Musiker Thomas Luz. Neue Bühnensprachen: Ein Weg für kleinere Theater Auf neue Formen und Bühnensprachen zu setzen kann auch für die kleineren Stadttheater ein Weg sein, um dem Sog der Metropolen dagegenzuhalten. Ihn schlägt etwa das Städtebundtheater von Biel und Solothurn ein, wenn es junge Regisseure und Dramatiker engagiert (die in der Schweiz durch Ausbildungsmodelle wie den «Dramenprozessor» sehr effizient gefördert werden). So kam 2008 «Feindmaterie» des Dramenprozessor-Absolventen Simon Froehling in Solothurn zur Uraufführung, inszeniert von dem ebenfalls äusserst viel versprechenden jungen Regisseur Jan Philipp Gloger: ein Glücksfall, ein intelligenter Text in einer intelligenten Umsetzung. Freilich auch ein Risiko. Den gegenteiligen Weg, kein Risiko, scheint das Theater St. Gallen beschreiten zu wollen, das zwischen den mächtigen Theater- (und Opern-)Magneten München und Zürich sein Publikum mit leichtverdaulicher Theaterkost zu halten sucht. Tatsächlich wird die Situation für die kleineren Stadttheater, namentlich die Dreispartenhäuser, unter finanziellem Druck – und einer immer oberflächlicher formulierten Forderung nach direkter Profitabilität! – immer enger. Das Tanztheater ist dann in der Regel die erste Sparte, welche Abstriche zu machen hat. In Basel nicht anders als in Bern. In Luzern will der Stadtrat noch weiter gehen und den exzellenten Ruf als Musikstadt fortan in Monokultur weiter befördern: also Tanz und Schauspiel an die freie Szene «auslagern». Natürlich können freie Gruppen keine dramatische Grundversorgung leisten. Es zeigt sich in diesem Denken mithin, wie sehr Luzern bereits zur Agglomeration von Zürich geworden ist: Wer Schauspiel sehen will, fährt halt nach Zürich. – Es stellt sich aber in der Tat auch die Frage, wieweit Dreisparten-Stadttheater sowohl strukturell als auch inhaltlich, als klassischer «Bildungstempel» überhaupt ein Zukunftsmodell sind. In Bern haben unabhängige Theaterschaffende von sich aus bereits über neue institutionelle Theaterformen nachgedacht – vorläufig allerdings ohne zu einem Schluss zu kommen. So weit sind wir noch nicht. Andreas Klaeui, bis 2008 Redakteur der Kulturzeitschrift «du», unabhängiger Kritiker (Schweizer Radio DRS, «Neue Zürcher Zeitung» sowie Fachpublikationen: «nachtkritik», «Theater heute»). Lebt in Zürich und Paris. |
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